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Inspiring. Circus. Arts.

Das Online-Journal Inspiring. Circus. Arts. blickt hinter die Kulissen. Wir erkunden Trends, Herausforderungen und kreative Prozesse in den Zirkuskünsten, regen Debatten an, stellen junge Talente und führende Experten der internationalen Zirkusszene vor. 

Wenn Zirkus und klassische Musik aufeinandertreffen

Das Duo Vanegas auf dem Todesrad - begleitet vom Symphonieorchester (c) Daniel Burow
Das Duo Vanegas auf dem Todesrad - begleitet vom Symphonieorchester (c) Daniel Burow

Zirkuskunst und klassische Musik – dass diese beiden Elemente gut zueinander passen können, hat der Circus Roncalli bereits früh erkannt. Ab 2002 bis in die 2010er-Jahre veranstaltete das Unternehmen die Reihe „Circus meets Classic“, erst im Konzerthaus Dortmund, dann auch in weiteren Städten. Dass im Berliner Tempodrom, wo Jahr für Jahr der Roncalli-Weihnachtscircus stattfindet, zum Ort des Aufeinandertreffens von Orchestermusikern und Artisten wurde, liegt dagegen in einem kuriosen Zufall begründet. Denn im ersten Jahr, in dem Roncalli das Tempodrom über den Jahreswechsel für seinen Weihnachtscircus gemietet hatte, ging das Deutsche Sinfonieorchester Berlin (DSO) davon aus, dort wie im Vorjahr sein Silvesterkonzert veranstalten zu können, hatte sogar bereits Tickets verkauft.


So schlug Patrick Philadelphia, heute Geschäftsführer von Roncalli und nach wie vor Leiter der Produktion im Tempodrom, eine pragmatische Lösung vor: Das Silvesterkonzert könnte doch mit Darbietungen von den Roncalli-Artisten kombiniert werden. Die Orchesterleitung, anfangs skeptisch, willigte ein und die Veranstaltung wurde ein voller Erfolg. Seither fand jedes Jahr das Silvesterkonzert als Kooperation von Roncalli und DSO statt – jetzt schon in der 21. Ausgabe.


Wie schafft man es, ein Sinfonieorchester für nur zwei Tage – den Silvester- und den Neujahrstag – mit einer bestehenden Zirkusshow zu integrieren, die ansonsten jeden Tag durchläuft? Zeit für Proben bleibt da kaum. Lediglich am Vortag steht das Tempodrom für eine Probe mit Artisten und Orchester zur Verfügung – tagsüber, denn am Abend läuft nochmals die reguläre Show.


Proben mit Dirigentin Catherine Larsen-Maguire und ihrem Orchester (c) Daniel Burow
Proben mit Dirigentin Catherine Larsen-Maguire und ihrem Orchester (c) Daniel Burow

Funktionieren kann das nur durch akribische Vorbereitung. Im Vorfeld bekommt die künstlerische Planerin des DSOs, Marlene Brüggen, Videos von den für den Weihnachtscircus engagierten Darbietungen zugeschickt. Zusammen mit der Dirigentin Catherine Larsen-Maguire entstehen Vorschläge für passende Musikstücke. Die erste Herausforderung ist, dass die Länge der Stücke passen muss. Denn sowohl die sehr strukturierte klassische Musik als auch die feststehenden Zirkusnummern lassen nur begrenzten Raum für Anpassungen.


Die Musikvorschläge werden von Patrick Philadelphia geprüft. Mit seinem Sinn für die Zirkusdramaturgie prüft er, ob die Musik zur jeweiligen Nummer „funktioniert“ und wo ggf. entweder Artisten oder Musiker noch etwas anpassen könnten. Das passiert, während die regulären Shows bereits laufen. So kann die Musik mit Videoaufnahmen aus der Show kombiniert, Übergänge und Umbaupausen zeitlich exakt bemessen und im Zusammenspiel mit der Musik geplant werden.


Dabei werden manche Szenen der regulären Show, besonders Comedy-Reprisen und Auftritte des Balletts herausgenommen, um Raum für Soli der Musiker zu schaffen. Denn es soll auch Momente geben, in denen ganz die Musik im Mittelpunkt steht - etwa wenn zwei Musiker im Zentrum der Manege eine Cello-Variation des Jazzstücks „Turtle Shoes“ von Herbie Hancock und Bobby McFerrin spielen.


Nicht nur hier zeigt sich die genreübergreifende Musikauswahl. Klassische Musikstücke von Tschaikowsky oder Strauß werden angereichert mit Variationen aus dem Jazz oder der Filmmusik. Es muss abwechslungsreich sein und anschlussfähig sowohl für das typische Konzertpublikum wie auch für das sehr gemischte Zirkuspublikum. Zudem muss die Musik zur Dynamik und Ästhetik der artistischen Nummern passen – wie etwa heroische Filmmusik zu den Kraftmenschen vom Duo Vitalys oder die beschwingte Tritsch-Tratsch-Polka von Johann Strauß zu den komischen Reprisen von „Professor Wacko“.


Die Artisten bekommen die Musikauswahl eine Woche vor der Show mitgeteilt. Die zwölfköpfige Shandong-Truppe aus China, die zwei Darbietungen im Programm hat, begann zugleich mit Proben zur Bandmusik, um sich an die neue Musik anzupassen. Bei den großen Gruppendarbietungen kommt es besonders auf absolute Synchronität und Timing an. Bei den Solo- und Duo-Darbietungen reicht die Probenzeit mit dem Orchester zumeist aus.


Die Musiker des DSOs während der Silvestervorstellung (c) Daniel Burow
Die Musiker des DSOs während der Silvestervorstellung (c) Daniel Burow

Am Probentag, dem 30. Dezember, ist der Ablauf dann streng durchgetaktet. Zunächst spielen sich die einhundert Musiker des DSOs ein und proben die Passagen, in denen sie ohne artistische Begleitung spielen. Dann hat jeder Act hat 15 Minuten Zeit mit dem Orchester. Wenn im ersten Durchgang des Acts das Timing nicht stimmt, passt entweder der Artist seine Trickfolge leicht an, oder die Dirigentin nutzt den Spielraum, den die Partitur durch wohlüberlegte Wiederholungssequenzen bietet. Am Ende passt es und jede Darbietung endet exakt mit den Schlusstönen der Musik.


Dreimal wird dieses ganz besondere Spektakel aufgeführt – zweimal am Silvestertag und einmal am Abend des Neujahrstags. Dazwischen, am Neujahrsnachmittag, findet die reguläre Show mit dem Roncalli-eigenen Zirkusorchester statt. Der Umbau erfolgt in Windeseile zwischen den Vorstellungen.


Die Veranstaltung ist über die Jahre zu einem festen Anker in Berlins Kulturkalender geworden und garantiert volle Besuchertribünen. Eine besondere, feierliche Atmosphäre macht sich im Tempodrom breit. Für viele Berliner Musik- und Zirkusliebhaber ist das Silvesterkonzert zur traditionellen Art den Jahreswechsel zu begehen geworden. Und auch für die Artisten sind es ganz besondere Shows. So berichten etwa die beiden Luftartistinnen Marika Ashley und Rochelle Berwick, wie sie bei ihrem ohnehin ballettinspirierten Luftring-Act geradezu beflügelt von den Schwanensee-Klängen des Orchesters waren.


Mit Fuciks „Einzug der Gladiatoren“ – wohl kaum ein Musikstück wird so sehr mit Zirkus assoziiert - verabschieden sich Musiker und Artisten standesgemäß vom begeisterten Publikum. Das Silvesterkonzert von DSO und Roncalli ist gewiss eine Erfolgsgeschichte.

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