Das Cyr Wheel Dekonstruieren
- Daniel Burow

- vor 2 Tagen
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Innovation besteht häufig darin, etwas auseinanderzunehmen und in anderer Form wieder zusammenzusetzen. Ganz wörtlich genommen hat das die junge deutsche Artistin Fenja Barteldres. Mit ihrem Cyr Wheel, das sie auf der Bühne auseinandernimmt und auf verschiedenste Arten „bespielt“, ist sie zu einem der gegenwärtigen Shooting-Stars der zeitgenössischen Zirkusszene geworden. Ihr Weg ist ein gutes Beispiel dafür, wie es sich durch die praktischen Zwänge und Anforderungen der Artistenausbildung und -karriere navigieren und dabei zugleich eine eigene künstlerische Vision konsequent verfolgen lässt.
Angefangen hat alles mit einer spielerischen Aufgabe, die ihr ihre Lehrerin Birgit Haberkamp an der Zirkusschule Codarts in Rotterdam gestellt hat. Sie sollte einen ihrer Mitschüler mittels eines Acts portraitieren, bzw. ihn als Inspiration für die Kreation des Acts heranziehen. Fenja entschied sich für den Jongleur Batist van Baekel, dessen Verspieltheit auf und abseits der Bühne sie bewunderte. Er jongliert mit fünf Keulen – ihr Cyr Wheel besteht aus fünf Teilen. Diese Parallele wollte sie aufgreifen und die Einzelteile ihres Requisits für an die Jonglage angelehnte Objektmanipulationen nutzen.

Um das Material für einen Abschlussact weiterzuentwickeln, musste mehr Technik hinzukommen, denn es galt ihre Fähigkeiten mit dem Cyr Wheel zu demonstrieren. So begann Fenja zu experimentieren, wie sich das Rad während ihres Acts auseinandernehmen und zusammenbauen lässt. Entstanden ist daraus ein achtminütiger Act mit einem Cyr Wheel, mit dem sie 2022 ihr Bachelorstudium in Rotterdam abschloss.
Doch da sollte die Reise noch nicht zu Ende sein. Die Idee, das Cyr Wheel zu dekonstruieren, regte Fenjas Fantasie zu noch mehr an – zur Kreation der 40-minütigen Solo-Show Cyrrealism. Während sich bei so mancher Solo-Show mit nur einer Disziplin das Material schnell erschöpft, scheinen die Möglichkeiten bei Cyrrealism unendlich. Das Cyr Wheel verwandelt sich in eine offene schlangenartige Struktur, löst sich in Unterbetandteile auf, die Fenja in wippenden Bewegungen versetzt. „Es sieht aus, wie mit dem Mond zu tanzen“, beschreibt sie die Bewegung. Was so spielerisch aussieht, erfordert ein Höchstmaß an Kontrolle über ihr Requisit. Cyrrealism ist ein gutes Beispiel dafür, wie spielerische Ideenvielfalt technische Virtuosität keinesfalls ersetzt, sondern im Gegenteil durch sie erst möglich wird.
Unterstützung bekam Fenja durch den niederländischen Artisten Kim-Jomi Alstadsæter als Outside Eye, der sich in seinen eigenen Arbeiten im Grenzbereich von Akrobatik und Tanz bewegt. Später im Prozess stieß noch die Musikerin Flavia Escartin hinzu. Die Jazz-Cello-Studentin am Amsterdamer Konservatorin komponierte die Musik zu Cyrrealism. Ihre Stimme, das Cello und Percussion verschmelzen mit Hilfe einer Loop Station zu experimentellen Klängen – immer wieder neu improvisiert aus der Energie des Moments, in einer Symbiose aus Klang und Artistik live auf der Bühne – oder auch als Aufnahme vom Band.

So existiert Cyrrealism in einer Soloversion und in einer Version mit Flavia auf der Bühne und zudem – neben der 40-minütigen Bühnenshow – auch als 7- oder- 10-minütiger Act, als 20-30-minütige Outdoor-Show. Das zeigt: Diese Arbeit war von vornherein dafür gedacht Publikum zu finden, nicht als Kreation um des Kreierens willen, wie sie leider im zeitgenössischen Zirkus allzu oft anzutreffen sind. Die Formatoffenheit ermöglicht es Fenja, in diversen Kontexten aufzutreten, etwa auch in der kommenden Produktion des Krystallpalast-Varietés in Leipzig. Den Durchbruch in Sachen Bekanntheit über die zeitgenössische „Bubble“ hinaus bedeutete sicher ihr mit der silbernen Auszeichnung prämierte Auftritt beim Young Stage Festival in Basel 2024. Für die Bewerbung schnitt sie kurzerhand Ausschnitte aus der 40-minütigen Show zusammen, formte dann einen kurzen Act aus den Highlights.

Dass sie mit ihrem Pragmatismus in mancher Hinsicht aus dem Raster fällt, merkte sie, als sie ihre Show weiterentwickeln wollte. Cyrrealism hatte 2024 Premiere, erst recht kurz nachdem Flavia hinzugestoßen war. Beide stellten fest, dass in der Zusammenarbeit noch viel Potenzial steckt. So wollte Fenja sich um weitere Residenzen bewerben, in denen sie gemeinsam an Cyrrealism weiterarbeiten wollten – doch ohne Erfolg. Denn die meisten Residenzprogramme in Europa richten sich an Neukreationen, schließen Wiederaufnahmen von bereits getourten Produktionen aus.
Einer der potenziellen Förderer, die Fenja in dieser Zeit kontaktierte, was Andree Wenzel vom deutschen Kreationsprogramm ZirkusOn. Er gab ihr den Rat: Um tiefer hineinzugehen, muss sie etwas neues machen, ein neues Projekt starten. Damit war der Startschuss gegeben für „Tyr Auf!“, wie die Nachfolgeproduktion im Arbeitstitel heißt. Inhaltlich knüpft sie an Fragen an, die sich Fenja bereits mit Cyrrealism gestellt hatte. Wie können wir Grenzen überwinden, die wir in unseren Köpfen haben, die vielleicht von außen da hineingesetzt wurden? Wie können wir die Perspektive auf Dinge ändern, in schwierigen Situationen die Möglichkeit finden, dennoch die Leichtigkeit oder den Humor darin zu entdecken? „Diese Philosophie finde ich auch im Leben sehr schön“, erklärt Fenja, als ich sie bei einem der ersten Work-in-Progress-Showings von „Tyr Auf!“ treffe.
Es ist ein kalter Novembernachmittag im Berliner Kreationszentrum Katapult. Fenja hat Freunde und Bekannte aus der Berliner Zirkusszene eingeladen, ihr Feedback zu geben. Nach der Aufführung rücken alle im Kreis näher zusammen, es gibt heißen selbstgemachten Apfelsaft, es liegt eine angenehme kreative Energie im Raum. Für mich steht das Gezeigte geradezu sinnbildlich für das, was wir Innovation nennen. Da werden Dinge auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, in Bewegung versetzt, um zu schauen, was passiert – Aktion und Reaktion, Trial and Error.

Für die Kreation der neuen Show nimmt sich Fenja viel Zeit, schließlich geht sie parallel weiter mit Cyrrealism auf Tour. Von Dezember 2025 bis Juni 2026 ist sie damit voll ausgelastet. Danach geht es weiter mit einer Residenz des europäischen Kreationsprogramms CircusNext in Italien. Es werden Residenzen in Belgien und in den Niederlanden folgen, bis die Show dann voraussichtlich in 2027 Premiere habe wird. Es ist ein Leben auf Achse – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn Fenja reist zu all den Orten am liebsten mit ihrem Camper-Van.
Der wird wahrscheinlich in den nächsten Jahren noch an vielen Orten Station machen. Denn kaum eine aufstrebenden Zirkusartistin bekommt derzeit so viel Aufmerksamkeit durch die Zirkus- und Varietégenres hinweg, von „klassisch“ bis „zeitgenössisch“. Mit eingeübten Denkmustern der Szene verfährt Fenja offenbar genauso wie mit ihrem Cyr Wheel: Auseinandernehmen, ganz anders zusammensetzen, keine Grenzen akzeptieren und immer neue Möglichkeiten entdecken.





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